Vertikalismus

Diese Seite soll – peu à peu – solche Gedanken anderer, in aller Regel bedeutenderer Autoren in Zitatform vorstellen, die mir im Laufe vieler Lektürejahre als besonders bemerkenswert aufgefallen sind. Nicht immer stimmt der Inhalt mit meinen eigenen Ansichten überein.
Ich werde mich um die Einhaltung gängiger Zitierkonventionen bemühen, bitte meine Leser aber sogleich um Nachsicht, wenn einmal ein Formalium mißglückt. Genauigkeit ja, Pedanterie nein! Sollte ich in irgendeiner Weise Rechte von Autoren oder Verlagen mißachten, bitte ich freundlich um Mitteilung. Ggf. werde ich eine diesbezügliche Korrektur umgehend in die Wege leiten.
Manchmal werde ich ein Zitat mit meinem Kommentar versehen. Kommentare von seiten der Leser dieses Blogs sind immer sehr willkommen, so sie denn nach Form und Inhalt angemessen sind.
Meine Texte schreibe ich nach der Orthographie, wie sie vor der Rechtschreibreform gut und richtig war. Die Zitate schreibe ich so ab, wie sie mir vorliegen. Wenn nicht anders vermerkt, sind die Hervorhebungen (Kursivierungen) die des Originals.

Zitat Nr. 1 entstammt einem Schulbuch, das ich 1967 als Obertertianer für den Grie chischunterricht anzuschaffen hatte; es lautet:

“Nach des Augustinus großartiger Deutung sind die Ideen die Gedanken Gottes, denen gemäß er den Schöpfungsakt vollzogen hat. Die Diskrepanz zwischen Idee und Wirklich- keit ist die Folge der Erbsünde und unserer persönlichen Schuld. Sittliches Streben ist das Bemühen, diese Diskrepanz zu verringern. Sieht man vom Theologischen dieser Deutung ab, so bleiben die Ideen Leitbilder, die sich dem nach objektiver Wahrheit forschenden Geiste aus dem Wesen der Welt und des Menschen heraus erschließen, die nicht ge- setzt, sondern gefunden werden; die wir suchen, um unser Leben danach auszurichten. Selbst bei widerstreitenden Ansichten ist diese Grundhaltung die gleiche. In diesem Sinne denkt fast das ganze Abendland platonisch. Nur wer bestreitet, daß es allgemein gültige Wahrheiten, daß es verpflichtende sittliche Werte gibt, steht außerhalb dieser Tradition.”

(Heinrich Krefeld, Hellenika. Ein Begleitbuch für die griechische Lektüre, Frankfurt am Main 1968, S. 116)

Zitat Nr. 2:

“Zu Beginn der sechziger Jahre ist viel von einem ‘Ende der Philosophie’ die Rede. Es heißt, die abendländische ratio habe ihre Kräfte erschöpft, und ihr Lauf ginge seinem Ende entgegen. […] Meist läuft in einem wenig heideggerschen Sinn das ‘Ende der Philosophie’ auf folgende Anklage hinaus: die Philosophie ist die Ideologie der europäischen Ethnie. Und ideologisch ist der Diskurs, der eine faktische Situation als zu Recht bestehende, ein traditionelles Privileg als eine natürliche Überlegenheit ausgibt. In dem Maße heißt es, wie die Vernunft sich als die Vernunft (das Licht, das jeden Menschen dieser Welt erhellt) aus- gegeben habe, sei sie eine ungerechte und gewaltige Instanz gewesen. Es sei darauf hin- gewiesen, daß diese Gewissensprüfung der Philosophen zeitlich mit dem Untergang der europäischen Kolonialreiche einhergeht (1962 ist das Ende des Algerienkrieges).”

(Vincent Descombes, Das Selbe und das Andere. Fünfundvierzig Jahre Philosophie in Frankreich 1933-1978, Frankfurt am Main 1981, S. 161f.)

Zitat Nr. 3:

“Ein Ungrund ist zwar Gott, doch wem er sich soll zeigen,
Der muß bis auf die Spitz der ewgen Berge steigen.”

(Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann V,29.)

Zitat Nr. 4:

“Gewöhnlich pflegt es im Leben so zu sein, daß man bei zwei Gegensätzen die Wahrheit in der Mitte suchen muß. Im vorliegenden Fall ist es aber nicht so. […] Warum? Weil wir eben breite Naturen sind, Karamasoffsche Naturen – darauf gehe ich ja hinaus – Naturen, sage ich, die fähig sind, alle möglichen Widersprüche in sich zu vereinigen und zu gleicher Zeit beide Abgründe zu erfassen, den Abgrund über uns, den Abgrund der höchsten Ideale, und den Abgrund unter uns, den Abgrund der schändlichsten Gesunkenheit.”

(F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, 12. Buch, 6. Kapitel, Frankfurt am Main und Hamburg 1971)

Zitat Nr. 5:

“In der Bibel ist ‘Himmel’ eine komplexe Wirklichkeit, die das sichtbare Firmament ebenso umfasst wie den Ort Gottes, der Engel und der Seligen. Am sichtbaren Himmel (das ‘Antlitz’ des Himmels) fliegen Vögel und könnten auch wunderbare ‘Zeichen am Himmel’ geschehen. Der unsichtbare Himmel dagegen ist ein verborgenes Etwas, in dem alles das, was in der Zukunft gut sein wird, aufgehoben ist. Der sichtbare Himmel bestimmt das Licht und die Zeit, der unsichtbare verbirgt die Unvergänglichkeit. Diese vielfältigen Funk- tionen erfüllt der ‘Himmel’ hauptsächlich deshalb, weil der Gott der Bibel eindeutig ein Him- melsgott ist, dessen Merkmal eben Licht und nicht Finsternis ist. Dieser Gott hat nichts im Sinn mit der Unterwelt, die es zweifellos gibt, die aber der Ort der Gottesferne ist. Die Unterwelt war in den umliegenden Fruchtbarkeitskulturen der Ort der Götter, die den Kreis- lauf von Zeugen und Sterben bedingten und in Gang hielten. Damit hat der Gott des Himmels nichts zu tun. Die Option für den Himmelsgott im Kontrast zu den Göttern der Unterwelt ist bis heute maßgeblich für alle jüdisch oder christlich beeinflusste Kultur. Sie ist auch extrem folgenreich in der Abwehr der Fruchtbarkeitskulte. Deswegen ist der Gott der Bibel der Schöpfer und nicht eine alles Leben gebärende Urmutter. Aber für die Bibel ist auch wichtig, dass Sonne, Mond und Sterne Geschöpfe Gottes sind, aber nicht selbst göttlich. Noch im Mittel- und Neuplatonismus wurden sie dagegen als ‘am Himmel wan- delnde Götter’ bezeichnet.”

(Klaus Berger, Himmel – Biblische Grundlegung, in: Klaus Berger, Wolfgang Beinert u.a., Bilder des Himmels. Die Geschichte des Jenseits von der Bibel bis zur Gegenwart, Freiburg im Breisgau 2006, S. 15-42, S. 15f.)

Dagegen (Zitat Nr. 6) Margot Käßmann über das “Vaterunser”:

“Wir müssen die Texte, die wir als Erbe mitsprechen, nicht immer alle Wort für Wort zu den unseren machen. Ich kann mich gut fallen lassen in dieses Erbe der Väter und Mütter im Glauben. Dieses zentrale Gebet wird nun seit 2000 Jahren so gesprochen. Ich kann Gott aber auch als Mutter sehen, als Freundin oder Ewige, und als Vater im positiven Sinne. In der Alternativ-Bibel heißt es ‘Du Gott bist uns Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt, deine gerechte Welt komme’. Ich halte die Übersetzung für span- nend – sie will doch die Luther-Übersetzung nicht ersetzen. Ich erhalte an der Stelle auch nur Kritik von Männern, denen das Angst macht. Das ist eine Erschütterung ihres Gottes- bildes.”

(Margot Käßmann in dem Interview “Gott als Freundin und Mutter”, Ausdruck aus dem Internet-Angebot der Zeitschrift “Das Parlament” mit der Beilage “Aus Politik und Zeitge- schichte” Ausgabe 7 vom 12.2.2007. Copyright: Deutscher Bundestag und Bundeszen- trale für politische Bildung, 2009; Internetzugriff am 23.4.2009.)

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